ADOLESZENZ

Von der Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter

Adoleszenz oder Jugendalter (adolescence) ist die Übergangsperiode zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, sie beginnt mit der Pubertät und endet mit dem Erreichen der Selbstständigkeit im Erwachsenenalter. Als Adoleszenz bezeichnet man meist ganz allgemein als das Jugendalter, wobei das Jugendalter bei Mädchen und Jungen in unterschiedlichen Altersklassen beginnt. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass das Jugendalter mit 13 Jahren beginnt. Das Jugendalter bringt eine problematische Zeit mit sich, welche oft schwierige Entscheidungen fordert. Das Jugendalter formt den jungen Menschen und endet mit ca. 24 Jahren, dem Erwachsenenalter.

Die Jugend wäre eine noch viel schönere Zeit,
wenn sie etwas später im Leben käme.

Charles Chaplin

Die Jugendzeit gilt heute als Zeit des Aufbruchs, als Lebensabschnitt, dem die Älteren oft nachweinen, weshalb diese Entwicklungsphase mit Klischees, Wünschen und Vorurteilen überfrachtet ist. Das war nicht immer so, sondern entstand erst mit der Moderne, denn die Industrialisierung erforderte eine breitere Berufsausbildung, was eine «Freistellung» der nachwachsenden Generation aus dem täglichen Arbeitsleben verlangte, aus der der Zwischenstatus der Jugend entstand.

Diese Zuordnung war zunächst zweideutig besetzt, denn zum einen gab es das christlich-bürgerliche Konzept des «hoffnungsvollen Jünglings», zum anderen jenes der gefährdeten, unreifen Personen. Ihnen wurden Tendenzen zur Trunksucht, Verwahrlosung, Kriminalität und Empfänglichkeit für sozialistisches Gedankengut unterstellt. Gemeint waren damit männliche Vertreter der Arbeiterklasse zwischen 13 und 18 Jahren.

Für Mädchen war in diesen Konzepten kein Platz, sie kamen schlicht und einfach nicht vor. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein Bedeutungswandel, später bauten die Nationalsozialisten die Idee der Jugend als Motor der Geschichte weiter aus. Was wir also heute unter Jugend verstehen, ist ein relativ junges Phänomen.

In der Phase der Adoleszenz bzw. Pubertät kommt es zu deutlichen Änderungen in der Selbstwahrnehmung und der Gestaltung der Beziehungen des Einzelnen zur Umwelt.

Änderung der Objektbeziehungen

Gefühlslabilität

Änderung des Körperbildes

Änderung der sozialen Kontakte

Änderung der Ideale

Aufbau einer eigenen Identität

Soziale Integration

nach Mutz, Ingomar D. & Scheer, Peter J. (1997). Pubertät und Adoleszenz.
www.paedpsych.jku.at:4711/LEHRTEXTE/MutzScheer97.html

Die Stürme der Adoleszenz

Interview: Dorothee Vögeli, NZZ-Artikel

Mario Erdheim, in der warmen Jahreszeit lungern die Teenager auch nachts wieder vermehrt herum, sie lärmen, kiffen und betrinken sich. Muss das sein?

Grenzüberschreitungen, zu denen der Rausch gehört, sind typisch für die Adoleszenz. In dieser Lebensphase läuft ein mächtiger, von Hormonen angetriebener Motor auf Hochtouren. Die Jugendlichen suchen ihre Bindungen ausserhalb der Familie, in sogenannten Peer-Groups, und leben zusammen mit Gleichaltrigen ihre – für diese Phase ebenfalls typischen – Allmachtsphantasien aus. Die Eltern verlieren zwangsläufig ihre Spiegelbild-Funktion.

Was heisst das für die Erziehungsarbeit?

Es ist falsch, den Adoleszenten ein Spiegelbild sein zu wollen. Beharren Eltern darauf, wird der Spiegel blind. Gleichzeitig müssen sie sich im Klaren darüber sein, dass in der Peer-Group ähnliche emotionale Prozesse ablaufen wie in der Familie. So wie etwa zu viel Nähe der Mutter zum Kleinkind eigenständige Bilder verhindert, können die jugendlichen Individuen von der Peer-Group verschlungen werden.

Die Macht der Peer-Group kann sich auch darin manifestieren, sich an einem Kiosküberfall zu beteiligen.

Meine These aus entwicklungspsychologischer Sicht ist, dass mit solchen Handlungen versucht wird, Defizite aus der frühkindlichen Phase wiedergutzumachen. Der Adoleszente, dessen Entwicklung nur körperlich abgeschlossen ist, wiederholt in einem anderen Milieu, was vorher schiefgegangen ist.

Da er nun seine geistigen und emotionalen Fähigkeiten ausbildet, um in der Erwachsenenwelt bestehen zu können, ist die Chance gross, einstige Enttäuschungen und Vertrauensverluste dank Wiederholungen zu überwinden. Eine solche Optik ermöglicht die Kommunikation über die tiefer liegenden Gründe eines Verstosses. Sie schafft quasi die Voraussetzung, um therapeutisch und pädagogisch aktiv werden zu können …

… allerdings ist nur im Idealfall Heilung möglich – Drogenmissbrauch kann genauso zum Tod führen. Müsste man solche Experimente nicht unterbinden?

Zweifellos ist der Griff zur Droge Ausdruck einer Krise, in der es letztlich um Tod oder Weiterleben geht. Auch in der Krise der Adoleszenz ist die Frage offen, ob der Jugendliche in der Isolation verharrt oder beziehungsfähig wird. Trotzdem: Normüberschreitungen gehören zu dieser Lebensphase. Die Adoleszenz ist ein gewaltiger Motor, der Fähigkeiten stimuliert, aber auch ins Stottern kommen kann.

Plädieren Sie dafür, die Jugendlichen einfach in Ruhe zu lassen?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass im Alter von etwa zwölf Jahren die Erziehung – zumindest aus entwicklungspsychologischer Sicht – im Wesentlichen beendet ist. Man kann dann eigentlich nur noch hoffen, dass das Fundament hält. Mit der Geschlechtsreife geht eben eine ausserordentlich grosse Risikobereitschaft einher, welche die Neurologen auf einen fundamentalen Umbau im Vorderhirn zurückführen. Haben die Wissenschafter recht, ist es erstaunlich, dass die allermeisten Jugendlichen ihre Matura oder ihre Berufslehre trotzdem machen . . . Allerdings lässt sich in letzter Zeit eine problematische Tendenz beobachten: Das in der Vorpubertät entstehende Fundament wird zunehmend brüchiger.

Wie kommen Sie darauf?

Zwischen dem vierten und dem zwölften Lebensjahr durchläuft das Kind eine ruhige Lebensphase. Eltern und Lehrer sind seine Vorbilder, die es bewundert und an denen es sich orientiert. Entsprechend gross ist der Einfluss der Erziehenden. Doch leider ist das Kindliche in dieser Phase in den letzten Jahren stark aufgeweicht worden: Kinder zwischen vier und zwölf werden heutzutage zunehmend wie kleine Erwachsene behandelt. Der Markt umwirbt sie, eine Sexualisierung der vorpubertären Phase ist unübersehbar. Weil die Eltern vor der Erziehung zurückschrecken und diese lieber den Lehrkräften überlassen, wird das Fundament für die Adoleszenz brüchig.

Ihre Beobachtung steht allerdings im Widerspruch zur Tendenz der sinkenden Jugendkriminalität.

Über die Gründe des Rückgangs der Jugendkriminalität lässt sich nur spekulieren. Vermutlich ist entscheidend, dass die Taten von Jugendlichen anders beurteilt werden als diejenigen von Erwachsenen – was ja angesichts der Prozesse während der Adoleszenz durchaus angebracht ist.

Eine populäre These lautet, dass der Rückgang der Jugendkriminalität Ausdruck der gelungenen Integration von Jugendlichen aus dem Balkan sei.

Das leuchtet mir nicht ein. Man weiss heute genau, dass Kriege ihre traumatisierende Wirkung bis in die zweite und dritte Generation behalten.

Wird die Zahl von jugendlichen Gewaltverbrechern, deren Familie Kriege erlebt hat, also hoch bleiben?

Das hängt davon ab, wie gut die Gesellschaft solche Minderheiten integriert. Bei den meisten jugendlichen Gewaltverbrechern fehlt jegliche Empathie gegenüber dem Opfer. Aus der Kriegsforschung weiss man, dass Gewalt möglich wird, wenn die Mehrheit eine Minderheit völlig entwertet und damit entmenschlicht. Auch wenn solche Minderheiten in der Schweiz Fuss fassen, bleibt bei den nachfolgenden Generationen das Gefühl, als Gruppe entwertet zu sein. Genährt wird es durch das soziale Gefälle und das Misstrauen, das trotz Einhaltung der Normen bleibt. Schlagen Jugendliche aus kriegstraumatisierten Familien zu, zeigen sie, dass sie die Opferrolle nicht hinnehmen wollen.

Was nützen Strafen?

In der Wissenschaft ist die Wirkung von Strafen sehr umstritten. Klar aber ist, dass Gewaltdelikte nicht durchgelassen werden dürfen. Es gilt zu zeigen, dass es eine übergeordnete Macht, ein Gesetz gibt, das sich durchsetzt. Strafen gehören dazu. Notwendig ist aber ebenso das Gespräch über die Gründe der Gewaltbereitschaft. Eine solche Therapie muss gekoppelt sein mit einem sozial nützlichen Arbeitseinsatz.

Es gibt Jugendliche, die sagen, Gewalt sei nicht mehr «in». Ist eine Umwertung der Werte und Rollenbilder in Gang?

Das ist eine sehr interessante These. Sie erinnert mich an die Meldung, dass viele in der Stadt Zürich wohnhafte junge Menschen nicht mehr an der Autoprüfung interessiert sind – eine in der Tat unglaubliche Umwertung: Früher galt Autofahren als klares Kriterium fürs Erwachsenwerden. Ich denke, viele traditionelle Rollenbilder sind immer noch tief in den Leuten verankert, aber sie nehmen sie nicht mehr so widerstandslos hin. Auch bei der weiblichen Identität ist vieles in Gang gekommen. So wären Filme über gewalttätige Frauen früher undenkbar gewesen. Gleichzeitig sind auch die klassischen Bilder der verführerischen Frau wieder hoch im Kurs. Die Tendenzen sind sehr widersprüchlich.

Interview: Dorothee Vögeli

Quelle: www.nzz.ch